Laudatio – Ischen Impossible
Ich begrüße Sie recht herzlich. Und eines vorab: Ich agiere lieber hinter den Kulissen als davor, ob als Redakteurin des Reggae- und Dancehall-Magazins Riddim oder als Moderatorin der Radiosendung „Spirits“ beim WDR Sender Funkhaus Europa. Das soll schlichtweg heißen: Ich suche das Rampenlicht nicht, aber heute sucht das Rampenlicht mich. Und da es der ausdrückliche Wunsch der Ischen war, dass ich die Laudatio halte, will ich mich natürlich nicht davor drücken.
Doch als erstes möchte ich den Ischen Impossible von ganzem Herzen, inna heartical way, gratulieren, dass sie den Künstlerinnen-Förderpreis gewonnen haben. Ihr habt ihn euch redlich verdient! Big Up Ischen Impossible!
Wer sind die Ischen?
Da haben wir die MCs Iva aus Kroatien, Maria, deren Wurzeln in Griechenland liegen, die gebürtige New Yorkerin Maxine und die Sängerin Nina, deren Vater Amerikaner ist. Als Live-Support kommt die Kuba-Liebhaberin Andrea Canta hinzu, die früher als Sängerin zur festen Crew der Ischen gehörte. Für die passenden Beats sorgt der Live-DJ Steilo, der einzige Mann an Bord. Und last but not least kümmert sich die ehemalige Ische, DJ Conny, deren Vater aus Afrika stammt, um die Organisation.
Iva hat die Besetzung in einem Interview ganz treffend auf den Punkt gebracht: „Wir sind ja alle so gemischte Tüte!“
Was sind die Ischen?
Die Ischen lassen sich von niemanden den Mund verbieten. Sie sind laut, provokant und tragen ihr Herz auf der Zunge, was mir sehr sympathisch ist. Sie verstehen sich, ähnlich wie jamaikanische Sound Systems, als ein offenes Projekt. HipHop-, Dancehall- und Ragga-Artists können sich bei den Ischen frei entfalten, ohne auf eine starre Bandkonstellation oder einen Produzenten festgelegt zu sein. Die Ischen bezeichnen sich treffend als balkan-afro-germanisches Gemeinschaftsprojekt.
Conny erklärt den Vorteil: „So sind wir flexibel wenn wir auftreten. Wir können sagen, okay, du kommst heute mit auf den Gig. Wenn du keine Zeit hast, springt halt jemand anders ein. Die Türen sind offen und wer eintritt, bleibt meist auch gerne drin.
Wofür stehen die Ischen?
Die Ischen scheren sich weder um Herkunft, Hautfarbe, Alter oder Geschlecht. Mit ihren Waffen HipHop, Reggae, Dancehall und Ragga, die sie nach Lust und Laune einsetzen, bieten die MCs und Sängerinnen den James Bonds dieser Welt Paroli. Puristen haben bei den Ischen nichts zu suchen.
Dazu bezieht Conny Stellung: „Es ist wichtig, dass wir uns unterscheiden. Wir wollen niemanden aus Jamaika nachäffen. Manche bemängeln an Jan Delay oder Seeed, dass es zu europäisch klingt. Aber wo kommen wir denn her? Wir sind in Europa, leben hier. Wir sind nicht in Jamaika großgeworden."
Ihre Texte schließen das Persönliche genauso wie das Politische mit ein. In „Balkan-Afro-Germanische“ thematisieren sie die eigenen, verschiedenen Wurzeln, beschreiben urbane Realitäten: „Wir wollen nicht mono sondern stereo Kultur. (...) Denn wir sind die, die an Träume glauben und sich jede Freiheit erlauben, die Dinge so zu sehen wie sie sind, nämlich bunt.“ In „Krieg“ verdeutlichen die Ischen, dass wir in einem globalen Dorf wohnen: „Was auch immer wo geschieht, es ist eine Welt. Der Krieg scheint weit entfernt, doch die Bombe fällt auch in dein Bett hinein, um dich aufzuschrecken, aus dem Traum der Träume aufzuwecken. Denn was immer auch geschieht, es ist eine Welt.“ In „Die Erde Weint“ leisten die Ischen einen nachdenklichen Beitrag zum Umweltschutz: „Wie es einmal war, das Wasser war trinkbar, klar, die Natur uns so nah, weil wir sind ihre Kinder, sogenannte, selbsternannte Selbstzerstörungserfinder."
Die Ischen lassen sich weder inhaltlich noch musikalisch in die Schranken weisen. Statt dem Hype folgen sie ihrem Bauch und ihrem Herzen. Dazu Iva: „Manche denken, hey, die wurden von irgendeiner Agentur zusammengewürfelt, weil wir ja so kunterbunt sind. Dabei hat das Leben uns im Endeffekt zusammengebracht. Und wir drücken das aus, was in unserem Leben passiert.“
Was sind die Ischen nicht?
Sicherlich wird sich jede Casting-Agentur die Finger nach den Ischen lecken, nach dem Motto, da ist ja für jeden etwas dabei... Doch Jah sei dank, die Ischen sind keine am Reißbrett entworfene Girl Group, genausowenig wie telefabrizierte Superstars. Konstruierte Marketingstrategien sind ihnen zuwider. Sie wollen nicht als Multikulti-Girlgroup in einer Schublade landen oder enden. Und als Quotenfrauen herhalten wollen sie erst recht nicht.
Maria bringt das Thema Frauen und Musik auf den Punkt: „Also die ganzen Vögel, die Bock haben, dass wir bei irgendwelchen Parties auftreten, die uns noch nie gesehen, geschweige denn gehört haben, aber Hauptsache da stehen irgendwelche Uschis mit Titten und Arsch und wackeln da so rum. Das kann ich nicht ernst nehmen, das lehne ich voll ab.
Der Anfang:
Auch wenn aus Ghetto Folklore, der damalige Keim der Ischen, kein Sound System hervorgegangen ist, repräsentieren die Ischen für mich einen Stil, den ich gerne „Ghetto Folklore“ nennen möchte. Wobei Ghetto, positiv besetzt, für urbanen HipHop und für up-to-date Dancehall steht, und Folklore für die vielen, verschiedenen Einflüsse, die die Ischen in ihr Projekt einfließen lassen.
Meine erste Begegnung mit den Ischen:
Wir trafen uns für ein Interview an einem heißen Sommertag vor zwei Jahren bei Conny in der Dachwohnung. Damals legte Conny noch für die Ischen auf. Ich saß inmitten einem Haufen von Mädels, versuchte dem Stimmengewirr Herrin zu werden, eilte mit dem Mikro von einer zur anderen, um Antworten einzufangen. Eines gefiel mir sofort, ihre gesunde Skepsis der Presse und Journalisten gegenüber. Denn ehrlich gesagt, wie oft liegen Journalisten daneben, werden zu Terminen geschickt, ohne einen blassen Schimmer vom Thema zu haben. Dementsprechend fallen dann natürlich die Artikel aus... Doch die Skepsis der Ischen, vor allem die von Maria, konnte ich, Jah sei dank, schnell zerstreuen. Ich weiß nicht warum, aber ich habe die Prüfung bestanden.
Maria hat mich – nicht nur äußerlich – an mich selbst erinnert. Und erst letztens zeigte mir Conny ein Foto von Maria, wo sie eine Strickmütze trägt. Ich selbst trug an dem Tag auch eine und Conny meinte nur: „Das gibt's nicht, Du siehst aus wie Maria.“
Aus dem Interview wurde ein Radiobeitrag für Funkhaus Europa. Als nächstes traf ich die Ischen bei ihrem Auftritt auf der Popkomm 2001 wieder. Und ich war wirklich gerührt, als sie mir anboten, sie zu managen. Doch ich wollte weder ihnen noch mir etwas vormachen; ich hatte bis dato noch niemanden gemanagt oder mich nur im entferntesten daran versucht. Also war ich einfach nicht geeignet, obwohl ich es gerne gemacht hätte. So stehe ich den Ischen lieber mit Rat und Tat zur Seite.
Und ich freue mich, dass ihr zur Zeit in dem Studio von Rootdown Records in Köln Hürth gemeinsam mit dem Produzenten Teka an neuen Songs feilt. Und ich kann nur sagen, nehmt euch alle Zeit die ihr braucht. Denn wie ihr wisst, good things come to he who wait. Wie Iva sagt: „In Deutschland ist das Tempo superschnell, in Südland ist es das Gegenteil. Hier kommt man sich unnormal vor, wenn man einfach entspannter lebt. Aber bei uns in Südland, wo es warm ist, ist es unnormal, wenn du hektisch bist. Dort gucken dich dann alle mit großen Augen an.“ Also bewahrt euch eure Muße, auch wenn wir hier in Babylon dazu Grünzeugkristalle brauchen...
Zum Schluss bleibt mir nur noch ein Wunsch für die Zukunft der Ischen. Bleibt einfach wie ihr seid! Ich kann euch sagen, ihr habt den richtigen Weg gewählt.
Conny sagte einmal: „Jeder ist irgendwie ein Star. Wir nehmen uns nicht so wichtig, wir sind nicht die Schlechtesten, aber auch nicht die Besten.“ In dieser Gesellschaft sind viel zu viele auf dem Egotrip. Folgt weiterhin eurem Herzen und eurem Bauch. Ohne eine eigene Platte zu veröffentlichen, ist es euch gelungen die Medien auf euch aufmerksam zu machen.
Maria meinte einmal dazu: „Deswegen steht bei uns an erster Stelle: Auftreten, auftreten, auftreten!“ Und davon will ich euch nicht länger aufhalten. Doch zuerst sollt ihr natürlich euren Preis in Empfang nehmen. Congratulations! Wenn ihr den Echo gewinnt, komm ich gerne wieder!