Die Tangotänzerin
Portrait Jeanine Meerapfel
Tango ist ein Gedanke, den man tanzt. Immer ein bisschen (...) melodramatisch und melancholisch: die Musik der Emigranten eben, sagt Jeanine Meerapfel. Und tanzt selbst leidenschaftlich gerne Tango – den aus Argentinien, nicht den standardisierten aus den Tanzschulen Europas.
Ihre Filme ähneln dem Tango. Sie riskieren, was sich in Deutschland kaum einer wagt: das Melodram – mit einem Augenzwinkern im Knopfloch. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Flüchtlinge; beinahe ausnahmslos widmet Meerapfel ihre Geschichten den Emigranten, im Format des großen Gefühlskinos: (...) der Ausdruckskraft grandioser Landschaften und hautnah aufgenommener Gesichter von Stars wie Liv Ullmann oder Barbara Sukowa. Dass Meerapfels Spielfilme dennoch nicht kitschig werden, dafür sorgt die Bodenhaftung, die sie ihnen über ihre Dokumentarfilme verleiht.
Die Dreharbeiten für „Malou“ auf einem jüdischen Friedhof wurden von Schüssen gestört, und Jeanine Meerapfel entdeckte ein Übungsgelände der Bundeswehr gleich neben dem Friedhof: So entstand neben „Malou“ im gleichen Jahr ihr Tagebuchfilm „Im Land meiner Eltern“. Noch in dieser Dokumentation läuft die zehnjährige Anna pfeifend durch Berlin und konterkariert die bohrenden Fragen der Filmemacherin nach deutscher Vergangenheit und deutscher Fremdenfeindlichkeit mit kindlicher Unbekümmertheit. Denn man kann, sagt Jeanine Meerapfel, sich auch gemütlich einrichten im eigenen Anderssein.
Ihre Heldinnen riskieren den gleichen persönlichen, mitunter schmerzhaft ehrlichen Tonfall. So wie die Filme auf der Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm, zwischen Politik und Privatem, Aufklärung und Rührung balancieren, rührt die Verstörung ihrer Figuren daher, dass sie Grenzen und Tabus nicht hinnehmen wollen. Dieser Moment der Überschreitung interessiert Meerapfel, jene Bewegung, einem Ausfallschritt beim Tango vergleichbar, in der Identität erst entsteht – und sei sie noch so zerrissen. In „Malou“ reist Hannah (Grischa Huber) aus Deutschland zu ihrer am permanenten Fliehen krank gewordenen Mutter (Ingrid Caven) nach Buenos Aires und stellt sich der eigenen Lebensangst.
„Malou“ ist so sentimental und altmodisch wie ein Chanson von Ingrid Caven. Aber die Patina blättert ab, denn der Film weiß wie seine Regisseurin, dass die Welt auch früher eben doch nicht in Ordnung war.
In „La Amiga“ stellt sich Liv Ullmann der Vergangenheit, wenn sie mit den Müttern der Plaza del Mayo gegen das Verschwinden der Söhne protestiert. Kann man Mensch sein in einer unmenschlichen Gesellschaft?, fragen Meerapfels Filme, betreiben Spurensuche und Gedächtnisarbeit. Ohne je zu moralisieren, zeichnen sie die Folgen von Diktaturen nach, die Zurichtungen, die Angst, die Verdrängung. Und dann ist da noch Melek, die „Kümmeltürkin“ aus dem Jahr 1985, die nach 14 Jahren West-Berlin nach Hause zurückkehrt, zermürbt von Deutschland und dennoch mit aufrechtem Trotz. Ein Film von bestürzender Aktualität. Als politische Filmemacherin sieht sich Jeanine Meerapfel heute durchaus in guter Gesellschaft: Der deutsche Film, sagt sie, backt wieder weniger Industriebrötchen. Vor allem die jungen Regisseure aus Berlin widmeten sich zunehmend sozialen Stoffen; eine Komödie wie „Sonnenallee“ sei geschichtsbewusster als die Beziehungskomödien der frühen neunziger Jahre.
So viel Politik und so viel Herzblut zugleich, das mögen die Deutschen nicht immer. Wegen der Sonnenuntergänge, mutmaßt Jeanine Meerapfel, und bleibt doch dabei: Warum soll politisches Kino nicht auch in schönen Bildern schwelgen dürfen? Vor allem in den Mittelmeerländern, in Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei schätzt man ihre Filme manchmal mehr als in Deutschland. Ein Frage der Temperatur: Im Süden hat man weniger Probleme mit unreinen Mischungen.
Zur Zeit schneidet Jeanine Meerapfel ihren neuen Film, „Annas Sommer“ mit Angela Molina, Rosana Pastor und Herbert Knaup. Auch dies eine Reise ins Gedächtnis, auf die griechische Insel der Kindheit, auch dies obendrein eine Liebesgeschichte. Anfang 2001 soll sie fertig sein. Den Titel will Meerapfel noch ändern, er ist ihr zu lieblich. Vielleicht wird „Annas Insel“ daraus, weil „Insel“ auch nach Flucht und Rückzug klingt, nach Paradies und Gefängnis.
Politischer eben.
Christiane Peitz
Info-Box Bio-/Filmografie
Jeanine Meerapfel
„Wenn es Hitler nicht gegeben hätte, wäre ich ein deutsch-jüdisches Kind geworden, mehr deutsch als jüdisch, geboren in einem kleinen süddeutschen Dorf“, sagt Jeanine Meerapfel in ihrem ersten Dokumentarfilm „Im Land meiner Eltern“. Aber die Eltern mussten vor Hitler fliehen, und so wurde sie als Tochter einer Französin und eines Deutschen in Buenos Aires geboren. Sie sprach spanisch, aß Schupfnudeln und hätte lieber Juana geheißen als Jeanine.
1964 ging sie, trotzig wie alle Heranwachsenden, ausgerechnet dorthin, wo ihr Vater sie niemals hätte hinlassen wollen: nach Süddeutschland, nach Ulm, an Alexander Kluges Hochschule für Gestaltung. Dort wurde sie, wie sie sich erinnert, von einer „patriotischen Argentinierin“ zur deutschen Jüdin gemacht – im Blick der anderen. Und so entwickelte sie – nach ihrer Mitarbeit an dem anarchisch-verrückten, kollektiv gedrehten Sozialdramolett „Zwyckel auf Bizyckel“ (1968) – Filmfiguren mit vielen Identitäten und erzählt als ihre eigene Drehbuchautorin immer wieder die eine Geschichte, wenn auch jedes Mal neu: die Geschichte von der Sehnsucht nach einer Heimat („Im Land meiner Eltern“), „Malou“, beide 1981; „Amigomío“ 1995), von Abschied und Rückkehr („Die Kümmeltürkin geht“, 1985; „Die Verliebten“, 1987) und vom Kampf gegen das Vergessen („Desembarcos“, 1989; „La Amiga“, 1988). Je ein Spiel- und Dokumentarfilm: Nicht zufällig portraitieren Meerapfels oft preisgekrönte Arbeiten in beiden Genres Wanderer zwischen den Welten, Frauen zumeist, aufgerieben zwischen Liebe und Politik.
Jeanine Meerapfel, die heute in Berlin und in Köln lebt, hat bereits in den siebziger Jahren unterrichtet und als Filmkritikerin gearbeitet. Seit 1990 ist sie Professorin an der von ihr mitbegründeten Kölner Kunsthochschule für Medien.
Sie lernt selbst mehr, wenn sie lehrt, sagt sie. Und das sie offene Fragen lieber mag als schlaue Antworten.
Christiane Peitz