Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen

Der Künstlerinnenpreis Nordrhein-Westfalen

Bildende Kunst - Angewandte Kunst - Darstellende Kunst - Literatur - Musik

Literatur - Emine Sevgi Özdamar

Würdigung

Laudatio auf Emine Sevgi Özdamar
(anläßlich der Verleihung des Künstlerinnenpreises des Landes NRW am Freitag, den 26. Oktober 2001, in der Fabrik Heeder in Krefeld)

Das Erste, was einem Menschen im Leben klar gemacht wird, ist das Vorhandensein von Grenzen. Und das Erste, was ein Mensch im Leben lernt, ist: daß Grenzen auch überschritten werden können. Das Leben besteht aus lauter Grenzüberschreitungen und neuen Grenzziehungen.

Das trifft in besonderem Maße auf Exilautoren zu sowie auf Autoren, die das Land verlassen und die Sprache gewechselt haben. Denn vor dem Exil liegt die Grenze, und Sprachwechsler sind sowieso Grenzgänger. Das Überschreiten von Sprachgrenzen macht sie von vornherein zu Grenzgängern, die in unbekanntes Terrain vorgestoßen sind und sich nun in unerprobten Zonen bewegen. Sprachwechsler sind Grenzgänger, indem sie sprachliches Neuland betreten und, auf sich selbst zurückgeworfen, die Wahrheit des fremdsprachigen Wortes suchen. Bei ihnen gehört die Auseinandersetzung mit Grenze, die besondere Sensibilität für Grenz-Situationen sozusagen zur sozio-kulturellen und psycho-semantischen Grundausstattung.

Wenn ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin die Sprache wechselt und in einer anderen als der Muttersprache zu schreiben beginnt, dann sind dieser Überschreitung der Sprachgrenze in der Regel schon eine Menge anderer Grenzüberschreitungen vorangegangen – topografische, politische, biografisch-familiäre, kulturelle, ästhetische. So gesehen, hat die sprachwechselnde Autorin schon allerhand Entgrenzungen hinter sich, ehe sich diese auch literarisch manifestieren.

Grenzen sind immer handlungs- und abenteuerverdächtig. Sie sind Umschlagplätze für geistige Waren oder Schmuggelstellen für geistige Konterbande. Sie sind Zonen erhöhter Geistesgegenwart und verschärfter Wahrnehmung. Wer von weither kommt, bringt nicht nur den fremden Blick mit, er bringt auch die Weite mit und infiziert mit ihr die neue Nähe. Wer über Grenzen geht, sieht manches schärfer und hat mehr und anderes zu erzählen. Das Nahe steckt sich mit Ferne an, das Weite verfremdet das Nahe.

Sofort stellt sich die Frage, was die Grenzgängerin im Gepäck führt – welche Traditionen sie mitbringt, welche Erinnerungen, welche kulturellen Substanzen. Sofort stellt sich die Frage, wie sie nach all den stattgehabten Entgrenzungen ihre Identität konstituieren wird. Im sprachlichen und kulturellen Neuland entwirft sich die Grenzgängerin ja neu und anders.

Emine Sevgi Özdamar ist eine solche Sprachwechslerin und Grenzgängerin, eine Sprach-Immigrantin ins Deutsche. Die Muttersprache Emine Özdamars ist nicht ihre Tochtersprache, zur türkischen Muttersprache, der „Mutterzunge“, wie ihr erster, 1990 erschienener Band mit Erzählungen hieß, hat sie das Deutsche als zweite Sprache adoptiert. Und als deutschschreibende Autorin türkischer Muttersprache hat Emine Özdamar den Prozeß des Sprach- und Kulturwechsels zum eigentlichen Thema ihres Schreibens gemacht.

Diese Adoptivsprache Deutsch trägt die Spuren ihrer Aneignung als Auszeichnung und Bereicherung. Emine Özdamar ist in die deutsche Sprache eingewandert mit ihrem ganzen türkischen Sprachgepäck und hat sich darin eingerichtet. Ihre türkische Muttersprache hat sich verwestlicht, ihr Deutsch hat sich orientalisiert und mit türkischen Denk- und Sprachmustern angereichert.

In dem Maße, wie ihr Türkisch in die Ferne rückt, sättigt sich ihr Deutsch mit fernen Anklängen. Erst indem diese Autorin die Sprachen wechselt, erschließt sie sich ein ganz unverwechselbares Idiom, eine deutsch-türkische Sprachsymbiose; erst indem sie sich die Fremdsprache zu eigen macht, findet sie zu einer unerhörten Eigensprache.

Mit achtzehn Jahren ist Emine Sevgi Özdamar erstmals nach Deutschland gekommen, ein theaterbesessenes und welthungriges Mädchen vom Goldenen Horn, aus Anatolien gebürtig und in wechselnden Städten Kleinasiens und am Bosporus aufgewachsen. Sie hatte seit ihrem zwölften Jahr Theater gespielt, Jugendtheater. Sie glaubte an ihre theatralische Sendung. Sie konnte kein Wort Deutsch, als sie in Berlin ankam, Mitte der sechziger Jahre. Wie sie, als Fabrikarbeiterin in Westberlin, sich auf ganz unorthodoxe Weise der deutschen Sprache bemächtigte, das läßt sich in Özdamars Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“ nachlesen.

Dessen Heldin und Erzählerin ist, so wie die Autorin, eine Grenzgängerin zwischen den Kultur- und Sprachräumen. Sie sieht sich, zunächst ganz sprachlos, in ein kaltes, finsteres und fremdes Berlin versetzt, in eine winterliche, nächtige und etwas unheimliche Stadt, voll alter Schutthalden und Baulücken, mittendrin die Ruine des Anhalter Bahnhofs, den sie den „beleidigten Bahnhof“ nennt, weil im Türkischen das Adjektiv für „zerbrochen“ auch „beleidigt“ bedeutet.

Sie möchte Schauspielerin werden, aber noch ist sie ohne Sprache. Erst allmählich und Schritt für Schritt überwindet sie den Kulturschock und die Sprachlosigkeit, erobert sich die fremde Umwelt und die fremde Sprachwelt. In dem Maße, wie sie sich die Sprache anzueignen beginnt, dringt sie auch in die Stadt ein. Sie lernt Deutsch nach dem Gehör und nach den Schlagzeilen der Zeitungen. Sie lernt diese Schlagzeilen auswendig wie die Texte einer Theaterrolle. Ihrer Entfremdung versucht sie mit den Mitteln einer Fremdsprache auf den Grund zu gehen. Jeder Zuwachs an Sprache bedeutet auch einen Zuwachs an Weltdurchdringung.

Es ist wunderbar zu verfolgen, wie sich in diesem großen Roman die Imagination und die Weltaneignung mit dem Zuwachs an Sprache immer reicher entwickeln. Aus den naiven, scheinbar einfältigen, parataktischen Reihungen des Anfangs erwachsen immer komplexere syntaktische Fügungen, eine Vielfalt des sprachlichen Ausdrucks und des Modulationsreichtums erblüht, so, wie sich die ersten groben Stadt-Markierungen zwischen Arbeiterinnen-Wohnheim, Bus und Radiolampenfabrik allmählich auffächern zu einer Topographie der deutsch-türkischen Treffpunkte zwischen Studentenheimen, Kinos und Cafés, in denen sich die Jugendrevolten des Jahres 1968 vorbereiten und zwischen denen die Heldin sich souverän und furchtlos zu bewegen lernt.

Dennoch bleibt ein Gefühl der Gespaltenheit, der Zerrissenheit zwischen den Kulturen. Während die Mutterzunge der Heldin allmählich abhanden kommt, ist die neu zu erobernde Sprache noch gebrochen. Noch taumelt die Sprecherin im Niemandsland zwischen zwei Sprachen und hat nirgendwo fest Fuß gefaßt. Die gespaltene Identität spiegelt sich vor dem Hintergrund der geteilten Stadt Berlin. „Wenn ich nur wüßte, in welchem Moment ich meine Mutterzunge verloren habe“, heißt es einmal in der Erzählung „Mutterzunge“.

Nach ihren zwei Fabriksjahren in Deutschland ging Emine Sevgi Özdamar zunächst nach Istanbul zurück, wo sie die Schauspielschule absolvierte und unter anderem in Stücken von Brecht und Peter Weiss spielte. 1976 kam sie wieder nach Deutschland zurück – als Hospitantin an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz arbeitete sie bei dem Brecht-Schüler Benno Besson. Diesmal kam sie, um zu bleiben.

Die achtziger Jahre machten aus der türkischen Gastarbeiterin eine türkisch-deutsche Schauspielerin und Regisseurin. Sie war unter Claus Peymann am Bochumer Schauspielhaus engagiert, sie spielte in Bochum, Frankfurt, München und Berlin unter den verschiedensten Regisseuren Theater. Sie arbeitete mit Benno Besson nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris. Im Auftrag des Schauspielhauses Bochum entstand ihr erstes Theaterstück „Karagöz in Alemania“, das die Fremdarbeiter-Thematik ins Kabarettistische, in Groteske, auch ins Makaber-Surreale hochschraubte und das sie selbst am Frankfurter Schauspielhaus inszenierte. Zugleich begann sie in ersten Filmrollen aufzutreten, in „Yasemin“ von Hark Bohm, in „Happy Birthday, Türke“ von Doris Dörrie.

Erst den neunziger Jahren verdanken wir den Auftritt der Schriftstellerin und Erzählerin Emine Sevgi Özdamar und ihren Eintritt in die deutsche Literatur. Mit ihrem Erzählband „Mutterzunge“ und ihren beiden Romanen „Das Leben ist eine Karawanserei“ und „Die Brücke vom Goldenen Horn“, 1992 und 1998 erschienen, sowie mit ihrem Erzählungsband „Der Hof im Spiegel“ von 2001 hat die Literatur eine deutschsprachige Autorin türkischer Herkunft hinzugewonnen. Nach der Lust des Darstellens und Vorzeigens hat diese vielseitige Spielerin und Erzählerin nun auch die Wollust des Benennens für sich entdeckt.

Als Autorin nimmt sie alle sprachschöpferischen Freiheiten und Eigenwilligkeiten für sich in Anspruch und läßt doch immer erkennen, welchen Herkünften und Übereinkünften sich diese verdanken. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr kulturelle Zumischungen aus heterogenen Sprach- und Gefühlswelten die jeweils eigene Kultur bereichern – hier ist der Nachweis erbracht. Wenn es noch einer Bestätigung bedurft hätte, wie viel an Eigensinnigkeit, wieviel an Lebendigkeit eine Sprache gewinnen kann, wenn inspirierte Fremdsprachige sie sich aneignen – hier können wir uns überzeugen. Denn Sprache ist ein Gut, das durch Gebrauch nicht ab-, sondern zunimmt.

In ihren beiden Romanen gelingt Emine Sevgi Özdamar aber noch ein anderes Amalgamierungswunder, ein Kunststück der wechselweisen Anverwandlung. Sie erzählt nicht nur die Geschichte vom Erwachen eines politischen Bewußtseins in einem ahnungslosen, aber begierigen türkischen Mädchen, dessen Hunger nach Welt auch den Hunger nach Weltanschauungen einschließt; sie entwirft auch, in aller Genauigkeit, aber auch in aller Widersprüchlichkeit, Bilder der türkischen Gesellschaft.

Und diese Bilder reichen vom westlich-aufgeklärten Bürgertum Istanbuls, also von der Moderne am Bosporus, bis zur Vormoderne in den kurdischen Bergdörfern und den staubigen Trockengebirgen Anatoliens, in all ihrer archaischen Rückständigkeit. Der nächste Militärputsch ist stets immanent, und doch läßt sich die leichtlebige Stadt am Goldenen Horn durch die mannigfaltigsten Umbrüche wirbeln – eine Kultur zwischen Koran und Kaugummi, Kopftuch und Comics, Atatürk und Burt Lancaster.

Emine Özdamars Erzählgestus hält sich an den Fundus orientalischer Mythen und Märchen und hebt auch die grausamsten und erschreckendsten Realitäten auf in einer magischen Narrativität und einer raffinierten Naivität, die immer wieder ironische Lichter aufblitzen läßt. Nur in der Literatur, wenn sie gelingt, können all diese Widersprüche in perfekter Schwebe gehalten werden. Und dieses türkisch-deutsche literarische Werk ist rundum gelungen. Für dieses Werk wird Emine Sevgi Özdamar heute abend mit dem 6. Künstlerinnenpreis des Landes Nordrhein-Westfalen im Bereich Literatur/Prosa ausgezeichnet. Zu dieser Auszeichnung möchte ich Ihnen, Frau Özdamar, sehr herzlich gratulieren.

Sigrid Löffler, Berlin, Oktober 2001

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